Caminho Portugues 2
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Caminho Português – Wie alles begann (2)

Caminovirus (Mos – Redondela)

Die Nacht war überraschend gut, ich habe super geschlafen und meinen Kaffee bei Flora auf der Terrasse in der Sonne getrunken. Ich wollte an diesem Tag nur knapp 10km bis Redondela gehen, hatte also viel Zeit und konnte den schönen Weg und das gute Wetter so richtig genießen.

Redondela

Redondela

Die Herberge von Redondela ist eine der schönsten auf dem Camino Portugues und in einem alten Herrenhaus untergebracht.
Mit ein paar Mädels machte ich noch einen Spaziergang zum Meeresarm. Wir haben lange in der Sonne gesessen und über unsere Erfahrungen mit dem Weg gesprochen.
Besonders wie es sich anfühlt, allein als Frau zu starten und unterwegs zu sein.
Alle hatten ähnliche Empfindungen. Eine Angst, die einen fast verrückt macht, kurz vor Beginn. Ein mulmiges Gefühl in den ersten Tagen auf einsameren Abschnitten. Und nach ein paar Tagen auf dem Camino eine merkwürdige Sicherheit.
Auch komisch war für uns alle, dass der Weg schon fast zu Ende war…
In nur 4 Tagen würden wir in Santiago ankommen.
Ich konnte zu dem Zeitpunkt meine Gefühle noch nicht so recht ordnen. Ein Mix aus Freude auf´s Ankommen in Santiago, Wehmut darüber, dass es fast vorbei war und auch ein bisschen Stolz, dass ich es so weit geschafft hatte.
Ich denke, schon da hat mich der Pilgervirus gepackt.
An diesem Nachmittag am Meeresarm in Redondela war für mich klar, dass ich im nächsten Jahr wieder auf einem Camino sein werde.
 

Caminoleben (Redondela – Pontevedra)

 
Da ich nicht in der Hauptsaison unterwegs war, hatten die Hospitaleros meistens nicht so viel Stress und wir konnten uns morgens ein bisschen länger Zeit lassen.
Nicht so in Redondela.
Punkt 8 mussten alle raus und wir wurden in den strömenden Regen entlassen.
Also schnell rein ins nächste Café und erstmal ein Käffchen zum Wachwerden. Und siehe da, diese 15 Minuten Kaffeepause haben´s gebracht.
Der Himmel war aufgerissen und im strahlenden Sonnenschein konnte ich meinen Tag beginnen.
Die Etappe nach Pontevedra war sehr schön, mit süßen Städtchen, alten Steinbrücken, den traditionellen galizischen Kornspeichern (Hórreos), aber auch viel Wald und einmal sogar Meerblick.
Nach dem Ankommen habe ich mir erstmal ein schönes Bocadillo in einer kleinen Bar gegenüber der Herberge gegönnt. Richtig gut, wenn man richtig Hunger hat.

Da ich schon ziemlich früh da war, hatte ich viel Zeit für den Pilgeralltag. Bett ‚beziehen‘. Duschen. Klamotten waschen. Kurz auf dem Bett lang machen. Tagebuch schreiben. Und dann noch schnell raus in die Stadt, ein bisschen ‚Sightseeing‘ und Vorräte auffüllen.

Pontevedra

Pontevedra

Pontevedra wird als Hauptstadt des portugiesischen Caminos bezeichnet und für die meisten Pilger ist dann auch das ‚Heiligtum der jungfräulichen Pilgerin‘ (Virxe Peregrina) die Hauptattraktion. Die Kirche zu Ehren der Schutzpatronin der Stadt ist auch wirklich speziell und lässt jedes Pilgerherz höher schlagen, da ihr Grundriss die Form einer Jakobsmuschel hat.
Nach den letzten Tagen ‚auf dem Land‘ und in relativ kleinen Städtchen, war der Trubel im Stadtzentrum für mich schon ein bisschen zu viel und ich war froh, als wir wieder in der Herberge waren. Dort haben wir einen ganz ordentlichen Tapasabend gehabt, jeder hat was beigetragen und obendrauf gab´s noch Pfannkuchen.
Brücke von Pontevedra

Brücke von Pontevedra

Caminomühen (Pontevedra – Caldas de Reis)

 

Der Morgen kam und ich war nicht so richtig fit.

Und trotzdem muss man losgehen.
Schon die ersten Kilometer zogen sich wie Gummi und ich war froh über das kleine Café, in dem ich eine ausgedehnte Vormittagspause machte und ein bisschen mit den netten Wirtsleuten quatschte.
Lange Pausen sind schön, bis man sich wieder aufraffen muss, um weiterzugehen.
Dass die Unterbrechung ein bisschen zu lang war, zeigte sich daran, dass ich auch nach der Pause nicht wieder richtig in Tritt kam. Und so war dann auch die zweite Hälfte meiner Tagesetappe sehr mühsam.
Animo!

Animo!

Die Herberge in Caldas de Reis war sehr einfach, aber irgendwie charmant.
Der Höhepunkt des Städtchens sind aber die heißen Quellen.
Die kann man in der Deluxe-Variante in den Marmorbadewannen des Thermalbades genießen, oder man begnügt sich mit den kostenlosen Outdoor-Becken nahe der Kirche. Eine Wohltat für geschundene Pilgerfüße.
Aber Vorsicht, das Wasser ist echt heiß!
 

Caminomelancholie (Caldas de Reis – Padron)

 

Die vorletzte Etappe vor Santiago!

Dichter Wald, mystischer Nebel und immer wieder schöne Rastplätze machen den nahenden Abschied von diesem Camino nicht leicht…
Morgenstimmung auf dem Camino

Morgenstimmung auf dem Camino

Aber nicht nur der Weg, sondern vor allem die Menschen lassen mich schon an diesem Tag melancholisch werden.
Da sitzt man mit eigentlich wildfremden Leuten in der Küche, die für einen in diesem Moment die Welt bedeuten und kann sich nicht vorstellen, sich schon am nächsten Tag für (machen wir uns nichts vor) wahrscheinlich immer zu verabschieden.
Da ist die junge Kunststudentin, die schon seit Wochen von Lissabon aus unterwegs ist und viele Nächte allein in Feuerwachen geschlafen hat.
Dann gibt es den portugiesischen Reiki-Meister, der den Weg mit seiner Mutter geht und viel über Seelenwanderung zu erzählen hat.
Auf der anderen Seite sitzen die beiden blonden Sachbearbeiterinnen, von der die eine sich in ihren uneingelaufenen Hochgebirgsschuhen so schlimme Blasen gelaufen hat, dass sie nur langsam vorankamen (und es doch bis hierhin geschafft haben!).
Am Herd steht der niederländische Brötchenverkäufer, der gern ein paar Kilo abnehmen wollte und einen Rucksack so groß wie ein Operntäschchen dabei hat.
Und dann ich.
Noch vor gut 4 Wochen hatte ich keine Ahnung, dass ich heute hier in Padron in einer urigen Herbergsküche sitzen und nur einen Steinwurf von Santiago de Compostela entfernt Spaghetti mit Tomatensoße essen werde.
Umringt von wildfremden Freunden.

Herberge in Padron

Herberge in Padron

Caminoausklang (Padron – Santiago de Compostela)

 
Wir haben es geschafft!
Ich habe es geschafft!
Meine Füße und mein Kopf.
Fast 250km.
Wir sind heute morgen alle gemeinsam aufgebrochen. Ich war zuerst unsicher, ob ich diese letzte Etappe in der Gruppe oder doch lieber nur mit mir laufen wollte. Aber am Ende war es gut so. Ich glaube, keiner von uns hatte Lust, allein zu sein.

Der Tag hatte mit Regen begonnen, aber unser Wunsch, bei Sonnenschein vor der Kathedrale zu stehen, hat sich erfüllt.

Kathedrale von Santiago

Kathedrale von Santiago

Mit Tränen in den Augen warf ich meinen Rucksack auf den Boden und starrte die Kathedrale erstmal minutenlang an.
Dann wurde sich gedrückt und Fotos gemacht und immer wieder ungläubig zu dieser beeindruckenden Kirche geschaut, die für so viele Menschen das Ende ihrer Pilgerreise, ihres langgeplanten Abenteuers, ihres Weges zu sich selbst bedeutet.
Oder den Anfang.
Auf diesem großen Platz schwirren die Emotionen nur so durch die Luft.
Erleichterung, Stolz, Freude über das Ankommen, das Geschaffthaben, das Wiedersehen. Aber auch Melancholie, Abschiedsschmerz und ein bisschen Angst.
Wie kann man das Alles, was man in den letzten Wochen gelernt hat, über sich, über die Welt, mitnehmen?
Man kann es nicht einfach in den Rucksack stecken, zu Hause auspacken und ins Regal stellen, wie eines der tausenden Santiago-Souvenirs, die hier in den Läden angeboten werden…
Jeder Einzelne auf diesem Kathedralenvorplatz wird einen eigenen Weg finden, den Camino in den Alltag zu tragen.

Und viele werden wiederkommen.

Weil Camino süchtig macht.
Camino de Santiago

Camino de Santiago

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    12 Comments

  1. Vielen lieben Dank für diesen Bericht. Ich plane zur Zeit meine erste Pilgerreise – Start Anfang Mai 2018, habe aber leider nur zwei Wochen Zeit. Eigentlich wollte ich den Camino Frances ab St.Jean Pied de Port gehen. Aber jetzt denke ich über diesen von Dir beschriebenen Weg nach. Mal schauen, welchen Weg ich gehen werde.
    Auf alle Fälle sind wirklich gute Tipps dabei – Danke & LG, Elke

    Antworten

    • Anne von LittleRedHikingRucksack

      Danke, Elke 🙂 Ja, wenn du nur 2 Wochen hast, dann ist der Portugues eigentlich perfekt! Und dann kannst du dir den Frances aufheben, für wenn du irgendwann mal 6 Wochen am Stück Zeit hast. 🙂 Egal wie und wo, ich wünsche dir einen schönen Camino!
      LG Anne

      Antworten

  2. Heike Effenberger

    Hallo Anne,
    wenn ich das so lese, komme schöne Erinnerungen wieder. Meine Freundin und ich haben uns vor kurzem wieder mal darüber unterhalten und festgestellt, dass wir tatsächlich jeden Abend eine Flasche Rotwein geköpft haben…
    Aber wir hatten am nächsten Morgen nie einen Durchhänger…. Freu mich auf das Festivalchen. Gruß, Heike.

    Antworten

  3. Jetzt sitze ich hier und habe Nicht nur Tränen in den Augen sondern sie laufen die Wangen runter. Toll geschrieben! Und es nimmt mir die Angst, wenn ich im August Anfange ihn selbst allein zu laufen. Also unsportliche mit einer angststörung

    Antworten

    • Anne von LittleRedHikingRucksack

      Ohhh, liebe Maria, ich wünsche dir alles Gute!!! Du wirst den Camino lieben und deinen ganz eigenen Weg gehen! BUEN CAMINO und melde dich doch mal, wenn du wieder da bist!

      LG
      Anne

      Antworten

  4. vielen Dank für deinen tollen Bericht. Ich werde Anfang September aufbrechen und freue mich schon total. Hattest du Probleme Unterkünfte zu finden oder war das kein Problem. Habe ein bisschen Angst ohne Bett dazustehen, aber reservieren will ich auch nicht.

    Liebe Grüße

    Antworten

    • Anne von LittleRedHikingRucksack

      Hallo du,

      mein Camino Portugues ist ja schon ein bisschen länger her und ich war Anfang März unterwegs, deshalb waren die Herbergen nie ein Problem. Anfang September werden sicher viele unterwegs sein, aber eins kann ich dir sagen: Es gibt IMMER ein Bett für dich! Und wenn es die Tante vom Onkel des Hospitaleros ist, die dich auf ihrer Couch schlafen lässt. Also mach dir keine Gedanken und vertraue dem Weg! 🙂 Buen Camino und eine ganz tolle Zeit!

      Antworten

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