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West Highland Way – Teil 1

Da saßen wir nun mit unseren 15kg-Rucksäcken in der S-Bahn auf dem Weg zum Flughafen. 15 Kilo. Hatten wir uns das wirklich gut überlegt?
Schottland war unser Ziel.
Schon seit Wochen, na ja, eigentlich Monaten habe ich diese Reise geplant. Das erste Mal eine große Wanderreise mit Nathalie, das erste Mal wandern mit Zelt im Rucksack, das erste Mal Schottland. Wandern auf dem West Highland Way. Wir haben unser Equipment zusammengestellt und erweitert, ein Zelt und gute Schlafsäcke gekauft und ich habe ein bisschen mit Wanderessen rumexperimentiert.
Gut, erstmal hatten wir noch ein paar Tage im Hotel in Glasgow vor uns und mussten unsere Rucksäcke nur die enge Wendeltreppe zu unserem Zimmer hochbugsieren, sie dann einfach neben das Bett fallen lassen und die Stadt erkunden. Das Schöne an einem Wanderurlaub ist ja auch, dass man schon von der ersten Minute an eigentlich alle Aktivitäten in seinem Wanderoutfit absolviert. So geht man mit dicken Wanderboots nicht nur in den Tea Room, sondern auch ins Theater und ins Restaurant. Ich habe mich doch das eine oder andere Mal ein bisschen deplatziert gefühlt. Umso froher war ich dann auch, als es ENDLICH losging und wir von der Scotrail-Station direkt um die Ecke von unserem Hotel mit dem Pendelzug zum Startpunkt unseres Weges gefahren sind.
Der West Highland Way beginnt in Milngavie, einem Vorort von Glasgow. Gerade auf den Bahnhofsvorplatz getreten, wurden wir auch schon von 3 munter schwatzenden schottischen Damen angesprochen und kurzerhand ins „Stadtzentrum“ geleitet. Auf dem kurzen Weg konnten wir noch schnell unsere (übereinsstimmenden) Ansichten zu Brexit und Bundestagswahl austauschen. So schnell wie sie gekommen waren, waren sie aber auch schon wieder weg und wir konnten nach dem obligatorischen Startfoto vor dem West Highland Way-Obelisken endlich unseren Weg beginnen.
Startpunkt West Highland Way in Milngavie

Startpunkt West Highland Way in Milngavie

Erstmal reinkommen – Milngavie nach Drymen

Die ersten Kilometer liefen wir sehr beschwingt zuerst durch das Örtchen und bald schon auf guten Wegen durch die hügelige Landschaft. Der Rucksack war schwer, aber es ging und wir waren guter Dinge.
Eine erste kurze Pause machten wir an einem kleinen See, unserem ersten Loch. Ich wollte gerade in meine Salami beißen, da kam ein mittelgroßer Fellball auf uns zugestürmt und versuchte mir die Wurst zu klauen. Irgendwann schaffte es Nathalie, den Hund abzuwehren und er lief zurück zu Frauchen. Da sich hinter uns immer dunklere Wolken aufbauten, machten wir uns auch schnell wieder auf den Weg entlang des Lochs.
Unterwegs trafen wir eine Wandergruppe mit nordamerikanischen Damen und schottischem Guide, die für uns Spalier standen, weil wir trotz unserer großen Rucksäcke viel schneller waren als sie. Kurz darauf holten sie uns aber wieder ein. Wir wurden nämlich von einem Mann überredet, ein Käffchen bei ihm zu trinken. Er steht mit einem Wohnwagen neben dem Weg mitten in der Pampa und bietet dort den Wanderern den lieben langen Tag Heißgetränke an. Gegen eine „Spende“ in den Honesty Bucket bekamen wir einen Instantkaffee oder Tee. Und – zack- waren wir 5 Pfund los. Er gibt wohl das Geld an Wanderer, die für wohltätige Zwecke laufen. Man weiß es nicht…
Egal, weiter ging´s. Der Weg war angenehm,  ein perfekter erster Tag, und schon bald kamen wir an den nächsten Pausenpunkt zum Einkehren. Das Beech Tree Inn ist ein Ausflugslokal mit Streichelzoo und großem Garten zum Draußensitzen. Hier trafen wir auch die ersten Wanderer, fast alles ältere Herren in Gruppen. Dass es auch einen West Highland Way-Song gibt, präsentierte uns der eine stolz mit seinem Miniradio, dass am Rucksack baumelte. Mein erster Impuls war zu denken, dass es ja supernervig sein muss, immer so ein Gedudel zu hören, besonders für seine Mitwanderer. Aber insgeheim habe ich ihn auch ein bisschen um seinen kleinen Musikapparat beneidet.
Die letzten Kilometer liefen wir auf einer kleinen Landstraße. Stört mich als alte Caminowanderin ja eigentlich immer gar nicht so. Ich muss zugeben, dass ich dieses „einfach geradeaus latschen, ohne viel denken zu müssen“ sogar manchmal mag. Es gab aber wieder das alte Problem. Auf welcher Straßenseite laufen wir denn nun eigentlich? Und jedes Mal versuche ich meine Kindheitserinnerungen rauszuholen. Was hat man da nochmal gelernt? In der Ortschaft rechts und außerhalb links? Sollen einem die Autos jetzt entgegen kommen oder lieber von hinten? Und das ganze jetzt auch noch im Linksverkehr? Nun ja, ich persönlich finde es angenehmer, wenn ich sehen kann, was da auf mich zurast und so entschied ich mich meistens für die rechte Seite. Oder war´s doch links???
Eine weitere mir altbekannte Regel traf auch an diesem ersten (und übrigens auch allen folgenden Tagen) zu: Die letzten 2 Kilometer ziehen sich wie Kaugummi. Und dabei ist auch egal, wie viele man schon vorher gelaufen ist. Habe ich mir 30km vorgenommen, dann nervt es ab Kilometer 28. Bei 12 Kilometern wird´s dann halt ab 10 zäh. Da ich das aber weiß, kann ich ganz gut die Zähne zusammenbeißen, weil mir dieses Gefühl ja auch signalisiert, dass ich bald da bin. 😃
Camping auf der Drumquhassle Farm

Camping auf der Drumquhassle Farm

Und das waren wir dann auch. Unser Ziel war der kleine Campingplatz kurz vor Drymen. Ok, das Wort Campingplatz ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Es war eine Zeltwiese mit ein paar Tischen, einem Wellblechschuppen mit sanitären Anlagen und Sitzmöglichkeiten und das Ganze direkt neben der Pferdekoppel. Also genau wie wir es lieben. Riesige kommerzielle Zeltplätze mit Pool und Bällchenbad sind uns nämlich ein Graus. Hier gab es nicht viel Luxus, aber eine Kasse des Vertrauens, wo man seine 5 Pfund reinstecken konnte.

Wir waren auch die ersten (einzigen?) und hatten freie Wahl bei der Stellplatzsuche. Und die Sonne schien! Es war wirklich die perfekte 1. Ankunft. Das Zelt war dann auch schnell aufgebaut und wir haben beim Essen die Abendsonne genossen. Zum Unterhaltungsprogramm trugen dann noch zwei später ankommende Jungs bei, die ihr vor kurzem und noch originalverpacktes Zwei-Mann-Zelt versuchten aufzubauen. Nach einer Stunde harter Arbeit stellten sie dann fest, dass das Zelt für zwei große junge Männer plus Rucksäcke doch recht kuschelig war. Da hing der Haus- äh Zeltsegen ganz schön schief…

Wir haben uns dann auch relativ schnell in unser Zeltchen zurückgezogen, das ist auch sehr kuschelig.  Aber das stört UNS natürlich nicht, ganz im Gegenteil.

Rüber über den Berg – Drymen nach Cashel Farm

Tja, die erste Nacht im Zelt. Das ist immer so eine Sache. Meistens ist sie nicht so gut. Irgendwas passt immer noch nicht so richtig. Bei uns waren es diesmal die Schlafsäcke. Sie waren – oh Wunder – nicht zu kalt, sondern zu warm! Das hatten wir auch schon lange nicht mehr. Normalerweise frieren wir uns so durch die Nacht, aber dank unserer tollen neuen Ausrüstung haben wir in dieser Nacht geschwitzt wie verrückt. Ein  paar Stunden haben wir dann aber doch geruht. Der Morgen war sehr schön, das Frühstück war lecker und wir haben  uns ziemlich viel Zeit genommen. Man muss ja auch erstmal ein Packsystem entwickeln und einige Handgriffe automatisieren. Bis dahin wird gestopft und geflucht und am Ende klappert beim Gehen doch irgendwas im Rucksack.
Tatsächlich sind wir erst halb 10 losgekommen, sogar unsere Nachbarjungs haben es früher geschafft. Und die hatten immerhin keine Ahnung, wie man ein Zelt auf- und wieder abbaut.
Weg zum Conic Hill

Weg zum Conic Hill

Die ersten Kilometer führten uns weiter auf der Landstraße von gestern bis zum Abzweig nach Drymen. Wir verkniffen uns den Besuch des Pubs mit der ältesten Schanklizenz Schottlands und zogen weiter über Wiesen und Hügel. Heute sollte es über den Conic Hill ans Ufer des Loch Lomond gehen. Am Fuß des Berges trafen wir auf eine ganze Herde sehr süßer gelockter Kühe. Auch wenn es keine „richtigen“ Highlandrinder mit großen Hörnern waren, waren wir doch ein bisschen eingeschüchtert und ließen eine Gruppe junger Burschen ganz unauffällig vorgehen und die Lage checken. Die kamen durch und so schlenderten wir auch an den glotzenden Viechern vorbei und machten uns an den Aufstieg.

Lockenkühe am Conic Hill

Lockenkühe am Conic Hill

Schritt für Schritt bugsierten wir uns und unsere schweren Rucksäcke den Hügel hoch. Der Weg führt nicht direkt auf den Gipfel sondern nordwestlich daran vorbei. Eigentlich ist es nur ein kurzer Abstecher bis ganz nach oben, aber nach dem ersten Anstieg hatten wir darauf nicht so richtig Lust und genossen von einer Etage tiefer den Ausblick auf Loch Lomond und die ersten Ausläufer der Highlands.

Blick vom Conic Hill auf Loch Lomond

Blick vom Conic Hill auf Loch Lomond

Außerdem war der Gipfel schon von einer deutschen Schulklasse besetzt. Die Mädels machten es richtig und ließen ihre Taschen von den Jungs schleppen. Deshalb konnten sie dann auch leichtfüßig an uns vorbei nach unten hüpfen, während wir beim Runterweg mehr zu kämpfen hatten als beim Weg nach oben. Der Weg war steinig und matschig. Wir waren echt froh über unsere Stöcke!

Nachdem wir endlich unten angekommen waren, gingen wir dann auch direkt in die erste Kneipe in Balmaha (es gab auch nur zwei, glaube ich) und machten eine ausgedehnte Pause. Ich probierte das erste Mal Haggis. Das ist DIE schottische Spezialität und es schmeckte doch ziemlich lecker. Man darf vielleicht nicht darüber nachdenken, was genau man da isst, aber wenn man nix gegen Innereien gegart in Schafsmagen hat, sollte man das auf jeden Fall mal probieren!

Das Aufbrechen nach der Pause war schwer… Aber wir wollten unbedingt noch 8km bis zum Sallochy Camping laufen. Es ging dann auch nochmal hoch und runter, bevor wir endlich am Ufer des Loch Lomond standen. Da habe ich dann schon ein bisschen Lust gekriegt, mal reinzuhüpfen. Aber erstens gab es schon überall Schilder, die vor Blaualgen warnten und zweitens war es doch vielleicht ein kleines bisschen zu kalt… Man kann sich allerdings kaum vorstellen, dass es in Schottland irgendwann im Jahr mal so richtiges Badewetter gibt.

Am Ufer des Loch Lomond

Am Ufer des Loch Lomond

Die nächsten Kilometer schleppten sich so dahin und wir hatten immer weniger Kraft und vor allem Lust und so entschieden wir uns, schon einen Zeltplatz früher bei Cashel Farm anzusteuern. Ein riesiges Schild, dass auch Wanderer willkommen hieß, wies uns den Weg. Die Dame im Campinglädchen war entzückend und für nur 9Pfund10 konnten wir zu zweit unser Zelt aufbauen. Wir bestellten auch gleich noch frische Buttercroissants für den nächsten Morgen und waren froh, angekommen zu sein.
Außer uns waren nur noch eine paar Wohnmobile und verrammelte Dauercamperwagen da. Wir hatten aber gar nicht so viel Zeit, uns länger mit unseren Nachbarn auseinanderzusetzen, weil es schon bald in Strömen regnete. Gekocht haben wir im Duschhaus und gegessen im Bett. Also eingekuschelt in den Schlafsack. Noch ein bisschen lesen, dem Regen lauschen und dann Augen zu.
Wie geht´s weiter?
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    4 Comments

    • Dankeschön 🙂 Freut mich, dass es dir gefällt!!! Und die Frage ist ja wohl auch, wann IHR in der Schauburg zu sehen seid! 🙂
      Ganz liebe Grüße

      Antworten

  1. Pauline Nöbauer

    Ich habe mir jetzt alle Teile inkl GGW durchgelesen. Einfach toll geschrieben, man kann sich eure Tour richtig bildlich vorstellen und ich hätte gleich Lust morgen in Schottland los zu wandern 😉
    Werde eure Seite noch weiter durchstöbern.
    Viele liebe Grüße aus Österreich
    Pauline

    Antworten

    • Hey Pauline, vielen Dank!!! Das freut mich sehr! 😊 Dann auf nach Schottland, würde ich sagen 🙂

      Liebe Grüße und noch ein schönes Wochenende!
      Anne

      Antworten

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