West Highland Way Teil 2
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West Highland Way – Teil 2

On the bonnie, bonnie banks of Loch Lomond – Cashel Farm bis Rowchoish Bothy 

Die Berge! Gestern hat man außer ein paar grau-milchiger Hügel nichts gesehen, aber mit ein paar Löchern in der Wolkendecke und sogar einigen Sonnenstrahlen, sieht die Welt doch gleich ganz anders aus.

Morgens am Loch Lomond

Morgens am Loch Lomond

Und so hatten wir dann auch ein Frühstück mit Aussicht am See und dazu warmes Croissant. Da eben dieses Croissant erst um 9 fertig war, waren wir schon relativ spät dran. Das rächte sich dann beim Einpacken. Es begann zu regnen. Und das ist wirklich richtig Sch****, wenn das Zelt schon halb abgebaut, aber noch nicht alles eingepackt ist. Und dann wird ALLES nass… Unsere zuvor so gute und entspannte Frühstückslaune überstand den Regen leider nicht und so stapften wir (erst gegen 11) grummelnd los.
Loch Lomond blieb auch an diesem Tag wieder unser treuer Begleiter. Nun denkt man ja, dass der Weg an einem See entlang relativ easy und flach ist. Aber schon unser Wanderführer gab mit mehreren Ausrufezeichen und „Achtung“-Schildern an, dass es sich bei der Strecke am Ufer des Loch Lomonds um den schwierigsten Abschnitt des ganzen West Highland Way handelt. Nun ja, ein bisschen mulmig war mir schon, man weiß ja wirklich immer nicht, was einen dann erwartet. Einige Wanderführer sind ja eher für älteres Publikum geschrieben und da kann sich dann schonmal ein als „äußerst unwegsam“ beschriebener Abschnitt als gut ausgebauter Wanderweg mit einigen Würzelchen und Steinchen herausstellen. Sagen wir´s mal so: Der Wanderführer für den West Highland Way hatte recht. 
Nach einer leckeren Pause auf der Seeblickterasse des Rowardennan Hotels ging es erstmal auf Forstwegen weiter. Ein älterer Herr, der mit seinen Hunden unterwegs war, erklärte uns umständlich, wo wir doch heute auf jeden Fall zelten sollten. Direkt am Strand des Sees.
Sonnenglitzer am Loch Lomond

Sonnenglitzer am Loch Lomond

Aber leider war diese Stelle ca. 2 Stunden zu früh. Sonst wären wir vielleicht da geblieben. Aber wir wollten ja noch ein paar Kilometerchen schaffen. Kurz vor dieser Campingmöglichkeit teilte sich der Weg und man konnte entweder der Forststraße folgen, oder auf den Uferpfad wechseln. Wir wollten natürlich am Wasser laufen und so begann die Kraxelei. Steine hoch, Steine runter und über kleine Brücken ging es immer entlang des Sees. Ein schöner Weg, aber mit unserem Gepäck brauchten wir eine Ewigkeit…
Als wir  langsam keine Kraft mehr hatten, entschieden wir, dass wir bis zur Rowchoish Bothy gehen und mal schauen werden, ob man da oder daneben übernachten konnte. Die lag mitten in einem moosig-grünen Wald, ziemlich versteckt und ab vom Weg. 
Rowchoish Bothy

Rowchoish Bothy

Als wir die Tür öffneten, hörten wir schon das eine oder andere Fiepen einiger Kleintierchen. Der Innenraum hat uns auch nicht so recht überzeugt und so entschieden wir, doch nicht da zu schlafen. Es war uns einfach zu gruselig allein in der Hütte. Auch drumherum war es nicht wirklich möglich, ein Zelt aufzuschlagen. Weil wir nicht so richtig wussten, wie die Campingmöglichkeiten auf dem weiteren Weg waren, gingen wir zurück zum See und fanden da einen schönen Platz für die erste Wildcampnacht auf dem West Highland Way. Und in unserem Leben.
Wildcampen am Loch Lomond

Wildcampen am Loch Lomond

Nach dem Zeltaufbau saßen wir neben der Feuerstelle ohne Feuer (alles war zu feucht) und haben unser Abendessen genossen. Das war ein anstrengender Tag. Viel anstrengender als wir gedacht hatten… Es ist wirklich eine andere Nummer, wenn man 15 Kilo statt 8 Kilo auf dem Rücken hat und auch das schlafen im Zelt ist eben manchmal nicht so erholsam, wie in einem trockenen Bett. Wir schafften einfach keine 20-25km, wie ich eigentlich geplant hatte. Das mussten wir vielleicht einfach akzeptieren… Und so nahmen wir uns für den nächsten Tag mal 22km vor.

 Was für ein Tag… –  kurz vor Rowchoish Bothy zur Beinglas Farm

„Die Nacht wird ruhig, kein Wind, kein Regen.“ Das hatte der alte Mann von gestern gesagt. Falsch. Wir waren noch nicht so richtig im Zelt, da fing es an zu schütten. Ist ja an sich nicht schlimm, oft ist es sogar recht gemütlich. Und auf unsere Ausrüstung konnten wir uns verlassen. Doch sag das mal deinem Kopf mitten in der Nacht mitten in der Wildnis. Ich wachte zehnminütlich auf, weil ich dachte, dass wir unser Zelt vielleicht doch zu nah an der Wasserlinie aufgebaut hatten und es bald von den Wellen das Loch Lomond umspült würde und wir, zum Glück hatten wir Luftmatratzen, wie in einem Schlauchboot davontreiben würden. Das war natürlich Quatsch. Schlafen konnte ich trotzdem nicht. Nathalie ging es ähnlich und so warteten wir…
Als dann die „Sonne“ aufging, waren wir froh, endlich weitergehen zu können. Vorher noch Frühstück im Bett und das übliche Packprozedere.
Das erste Stück des Weges kannten wir ja schon von gestern und wir zogen vorbei an der Bothy und kamen wieder auf den Forstweg, den wir am Tag zuvor zugunsten des steinigen Uferpfades verlassen hatten. Wir kamen recht zügig voran, sprangen über Bächlein und Flüsslein und als sogar die Sonne rauskam, waren wir recht guter Dinge. Der Weg ging immer wieder vorbei an kleineren und größeren Wasserfällen bis wir dann in Inversnaid auf mehreren Brücken die großen Kaskaden des Snaid Burn überquerten. Immer wieder krass, wie viel Kraft Wasser haben kann.

Im Hotel des Ortes gab´s erstmal lecker Fish&Chips und wir waren gespannt auf das, was nun kommen sollte. Wieder wurde in unserem Wanderführer gewunken und gewedelt und Achtung-Schilder geschwungen, weil nun wirklich und ganz echt das schwierigste Stück des Weges bevorstand. Und wieder hatte er recht. Der Weg von gestern war ein Sonntagsspaziergang dagegen.

Klettern hinter Inversnaid

Klettern hinter Inversnaid

Der heutige führte ausschließlich über Steinblöcke, Felsen und wenn es mal ein Stück richtigen „Weg“ gab, dann war dieser ein Schlammfeld. Eigentlich liebe ich ja solche Kletterstellen. Aber wieder machen Gepäck und Wetter den Unterschied. Als wir endlich die Nordspitze des Loch Lomond erreichten, hatten wir für 6km 3 Stunden und viele Nerven gelassen. Den wunderschönen Strand konnten wir gar nicht recht genießen, weil wir keine Zeit hatten. Der weitere Weg war besser, wir kamen die nächsten Kilometer relativ schnell voran, warfen noch einen Blick in die ziemlich einladende Doune Bothy und hatten endlich nochmal schöne Ausblicke auf den See und die grünen Hügel drumherum.
Der letzte Blick auf Loch Lomond

Der letzte Blick auf Loch Lomond

Doch wir wurden immer weiter getrieben von den schwarzen Wolken über uns. Bald fing es auch schon an zu Grummeln und Nathalie wurde immer schneller. Wir bewegten uns gerade in einem sehr weiten Tal, vollkommen ungeschützt und als die ersten Blitze zu sehen waren, rannte Nathalie vorneweg und ich versuchte hinterher zu kommen. Wie war das noch gleich bei Gewitter in den Bergen??? Hinlegen? Weg von Bäumen? Füße nicht im Wasser? Mich hätte nicht gewundert, wenn ich um die nächste Kurve gegangen wäre und Nathalie auf ihrem Rucksack hockend gefunden hätte… Die letzten 3 Kilometer zogen sich wie Gummi und die Angst, vom Blitz getroffen zu werden, wurde bald von totaler Erschöpfung abgelöst. Obwohl es die letzten Meter bergab ging, hatte ich das Gefühl, keinen Schritt mehr voranzukommen. Meine Akkus waren vollkommen leer. 
Angekommen sind wir dann aber trotzdem irgendwie. Der Campingplatz und die Holzhüttchen drumherum waren voll mit einer russischen Geburtstagsgesellschaft, die schon Regenplanen gespannt und ihre Grills angefeuert hatten. Wir, klatschnass und hundmüde, träumten von einem trockenen Schlafplatz mit einem festen Dach über dem Kopf, doch leider war alles belegt. Und so mussten wir unser Zelt auf der großen Wiese aufbauen. Auf einer Wiese, wo man an den meisten Stellen knöcheltief im Wasser stand.  Das war zu viel für mich.
Während ich grad heulend die Heringe in den Boden steckte, kam jedoch die Rettung. Die Dame vom Campingplatz hatte uns extra gesucht, um zu sagen, dass sie doch noch EINE Hütte freihabe. GEIL!!! Also rein ins Häuschen, Heizung an und erstmal freuen. Den weiteren Abend verbrachten wir dann noch mit Klamotten waschen, Duschen und Steak&Pie und Cider in der Kneipe.

Wandern. Beinglas Farm – Auchtertyre Farm

Der nächste Tag begann, wie der letzte aufgehört hatte – mit Regen. Aber am Morgen sieht die Welt ja immer gleich ganz anders aus und so waren wir guter Dinge. Auf dem Campingplatz gab es auch einen Shelter für die Camper, also einen Raum aus Wellblech mit Küche, Sitzgelegenheiten und Waschmaschinen. Das war wirklich super, weil man da entspannt, trocken und in netter Gesellschaft frühstücken konnte.
Nach dem harten Tag gestern freuten wir uns auf einen Tag mit Wegen, auf denen man auch wirklich gehen konnte und nicht für jeden Schritt höchstaufmerksam sein musste. Und so starteten wir ziemlich gutgelaunt am Fluss entlang. Immer wieder gab es kleine Stromschnellen und Wasserfälle, wirklich schön. Der immer stärker werdende Regen machte uns auch nichts aus und wir liefen, jede in ihrem Tempo hügelauf und hügelab. So hatte ich mir das vorgestellt. Die braunen, sanften Berge und weite Täler. Als dann noch die Sonne rauskam, war ich happy. Weil man ja nie weiß, wie lange gutes Wetter hält in Schottland, haben wir den erstbesten Baumstamm gesucht und Mittagspause gemacht.
Sonne im Tal

Sonne im Tal

Die weiteren Wege waren wieder ziemlich durchwachsen, manche ähnelten kleinen Bergbächen, andere eher zerlatschten Kuhweide. Und so sprangen wir von Stein zu Stein und erreichten bald die Wegkreuzung, auf der es rechts nach Crianlarich und links weiter nach Tyndrum geht. Wir folgten dem letzteren Weg aufwärts in den Wald. 
Abzweig nach Tyndrum

Abzweig nach Tyndrum

Immer wieder hatten wir durch die Bäume tolle Ausblicke auf die surreale Landschaft. Diese Berge! Wie Schildkrötenpanzer lagen sie da in der Gegend rum. Besonders beeindruckend, aber auch verstörend, fand ich, dass diese für uns so typische und einzigartige Landschaft eigentlich von Menschenhand gemacht wurde. Über viele Jahrhunderte wurde das Holz der Highlandbäume für den Schiffsbau oder die Eisengewinnung genutzt, bis nur noch kahle Berghänge übrig waren. In den letzten 50 Jahren wurde und wird viel für die Aufforstung getan, worüber der Tourismusverband aber gar nicht so glücklich ist. Wer würde denn noch nach Schottland fahren, wenn die Gegend aussähe wie jedes andere zentraleuropäische Mittelgebirge 😉
Angler kurz vor der Auchtertyre Farm

Angler kurz vor der Auchtertyre Farm

Ein paar Kilometer vor Tyndrum zogen wieder riesige schwarze Wolken auf. Nach unserem traumatischen Erlebnis von gestern hatten wir nicht schon wieder Lust auf ein Gewitter in den Bergen und so entschieden wir uns, auf der Auchtertyre Farm zu bleiben, die ein Lädchen, einen Campingplatz, aber auch kleine Hobbitholzhüttchen haben. Wir wollten eh in Tyndrum einen Pausentag einlegen, da es morgen den ganzen Tag schütten und stürmen sollte und so mieteten wir für 2 Nächte eins von den Häuschen. Unseres war lila. Perfekt!

Der Regen setzte dann auch schon bald ein und wir verließen unsere trockene Unterkunft nur noch für´s Nötigste. Das Kochen für´s Abendessen erledigten wir auch (verbotenerweise) in der Hütte. Mit einem halben Kilo Kartoffelbrei im Bauch verkrochen wir uns schon bald in unsere Schlafsäcke.
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Zwischen Rowardennan und Inversnaid

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